Einstiegsartikel: Exnovation
Was ist mit Exnovation gemeint?
Der Begriff Exnovation beschreibt den bewussten Prozess des Aufhörens und des Abbaus veralteter Praktiken, Produkten oder Strukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Diese Praxis ist ein essenzieller Teil von Veränderungsprozessen. Sie ermöglicht es, veraltete Innovationen gezielt aus dem System zu entfernen und Platz für Neues zu schaffen. Der Begriff selbst leitet sich aus dem lateinischen novare (erneuern, verändern) ab, kombiniert mit der Vorsilbe ex (heraus), was darauf hindeutet, dass etwas Neues wieder entfernt wird. Der Begriff der "Exnovation" entstand in den 1970er Jahren und wird seither vor allem in Diskussionen über Transformationsprozesse verwendet, da er das bewusste Loslassen von Innovationen beschreibt. Eine der ältesten Definitionen stammt aus dem Jahr 1981, als Kimberly und Evanisko Exnovation als den Prozess beschrieben, bei dem Organisationen sich von Innovationen trennen, die zuvor eingeführt wurden.
Relevanz von Exnovation
Exnovation gewinnt in einer Welt endlicher Ressourcen immer mehr an Bedeutung. Denn durch den bewussten Abbau veralteter Praktiken können wertvolle Ressourcen wie Rohstoffe und Energie freigesetzt werden, die dann für neue, innovative Lösungen genutzt werden können. Diese Sichtweise wird besonders relevant, wenn man den sogenannten Rebound-Effekt betrachtet – ein Phänomen, bei dem Innovationen, die eigentlich auf mehr Nachhaltigkeit abzielen, paradoxerweise zu einem höheren Ressourcenverbrauch führen. Exnovation könnte hier einen Lösungsansatz bieten, indem sie nicht nur Neues schafft, sondern auch Altes gezielt beendet. Angesichts der tiefgreifenden Transformationen, die in Bereichen wie Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt notwendig sind, wird Exnovation zu einem entscheidenden Hebel.
Exnovation als alltägliches Phänomen
Schon längst beeinflusst der Begriff Exnovation unseren Alltag und verschiedene gesellschaftliche Diskurse:
#Aufgeräumter: Ein bekanntes Beispiel ist Marie Kondos „KonMari-Methode“, die auf Minimalismus basiert und das Behalten von Gegenständen auf das Wesentliche reduziert. Diese Methode spiegelt eine exnovative Denkweise wider, da sie sich darauf konzentriert, das Überflüssige bewusst loszulassen.
#Weniger: Ein weiteres Beispiel ist die Bewegung des Frugalismus, die auf ein Leben mit weniger Besitz abzielt und durch Reparieren und Second-Hand-Käufe nachhaltige Alternativen fördert. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zur Konsumgesellschaft, in der Besitz eine zentrale Rolle spielt.
#Langsamer: Auch in der „Slow“-Bewegung zeigt sich Exnovation: Ob Slow Food, Slow Fashion oder das Cittàslow-Netzwerk – diese Initiativen betonen bewusstes Verlangsamen und fördern nachhaltige, regionale Entwicklung.
#Dosierter: Zudem reflektieren digitale Phänomene wie „Digital Detox“ oder „Declutter Your Mind“ den Wunsch, sich von einer übermäßigen Nutzung von Technologie zu lösen und eine gesunde Balance zwischen Konsum und Verzicht zu finden.
#Verzicht: Auch der vollständige Verzicht auf bestimmte Produkte oder Praktiken, etwa aus ethischen oder umweltbezogenen Gründen, ist eine Form der Exnovation. Soziale Medien können diesen Trend verstärken, indem sie Informationen verbreiten, die zu bewussteren Entscheidungen führen können.
Exnovation als Ergänzung zu Innovation
Exnovation und Innovation stehen in einem dynamischen Wechselspiel, das für nachhaltige Veränderungen unerlässlich ist. Während Innovation als der Prozess der Erneuerung und Entwicklung neuer Lösungen betrachtet wird, zeigt sich, dass Innovation allein oft nicht ausreicht, um komplexe Probleme zu lösen. Exnovation übernimmt hier die Rolle des notwendigen Gegenstücks zur Innovation, da sie das aktive Beenden nicht mehr funktionierender Ansätze ermöglicht.
Dieser Zusammenhang wird besonders deutlich, wenn man den „Pro-Innovation Bias“ betrachtet, also die Tendenz, Innovationen immer positiv zu bewerten und ihre möglichen negativen Konsequenzen (siehe oben genannten Rebound-Effekt) zu ignorieren. Die Notwendigkeit von Exnovation wird oft erst deutlich, wenn Innovationen scheitern, weil bestehende Praktiken nicht rechtzeitig abgebaut wurden. Deshalb wird zukünftig neben der Förderung von Innovationen auch das gezielte Beenden bestehender Strukturen eine entscheidende Rolle spielen – die Zeit der Exnovation hat begonnen.
Fazit
Zusammenfassend zeigt sich, dass Exnovation ein wichtiger Prozess ist, der in einer Welt knapper Ressourcen und zunehmender Nachhaltigkeitsanforderungen immer relevanter wird. Sie ergänzt Innovation: Schafft Platz für Neues durch das bewusste Beenden alter, überholter Praktiken. Indem wir lernen, Innovation und Exnovation im Gleichgewicht zu halten, können wir den Herausforderungen der Zukunft besser begegnen und nachhaltige Veränderungen bewirken.
(vgl. Bils, S. & Töpfer, G. (2024). Innovation & Exnovation, Synergien von Ende und Anfang (1. Aufl.). Nomos. https://doi.org/10.34156/978-3-7910-6150-4 - Kapitel 1: S.11-25)
Mehr zum Fokusthema: Vertiefungsartikel zu Exnovation & Ambidextrie