Exnovation & Ambidextrie – warum bewusstes Beenden zum Kern zukunftsfähiger Unternehmen gehört
Ambidextrie 2.0? Innovation und Effizienz sind nicht genug – Organisationen benötigen zusätzliche Prozesse zum Rückbau veralteter Strukturen. Der Artikel skizziert, wie das Ambidextrie-Konzept durch Exnovation ergänzt wird.
Ambidextrie
Ambidextrie meint wörtlich "Beidhändigkeit" und beschreibt die Fähigkeit von Organisationen, sowohl ihr Kerngeschäft effizient zu betreiben als auch innovativ auf Veränderungen zu reagieren. Diese Dualität wird oft als zwei "Hände" einer Organisation dargestellt: Eine Hand ist für das Kerngeschäft zuständig (Exploit-Modus), während die andere Hand neue Möglichkeiten erkundet (Explore-Modus).
Exnovation
Exnovation beschreibt den Prozess des bewussten Aufhörens oder Abbauens von nicht mehr benötigten Strukturen oder Praktiken. Bei knappen Ressourcen und der ständigen Notwendigkeit zur Erneuerung gewinnt das regelmäßige Ausphasen dessen, was nicht mehr benötigt wird, an Bedeutung. Nicht zuletzt, um Kräfte für das Wesentliche zu bündeln, sondern auch um den Raum zu haben, Entwicklungen zu erkennen und darauf angemessen ‘explorig’ reagieren zu können.
Insofern ergänzt die Exnovation das Konzept der Ambidextrie auf sinnvolle Weise, weil es eine weniger beachtete Option darstellt, die Exploit-Seite weiter zu optimieren und auf der Explore-Seite Impulse für Erneuerung gibt, ohne dabei notwendigerweise Neues hinzuzufügen. Töpfer und Bils (2024) argumentieren, dass Exnovation somit als "fehlendes Puzzleteil" in das Ambidextriekonzept eingefügt werden kann.
Drei Facetten der Exnovation:
Exnovation ergänzt die Ambidextrie um drei entscheidende Facetten:
- Auslösefacette: Erkennen, dass bestehende Lösungen nicht mehr tragen. In diesem Zuge entsteht ein Commitment zur absichtsvollen Beendigung. Durch das Beenden von Prozessen, etc. werden Räume und Ressourcen frei. Das eröffnet neue Möglichkeiten für den Explore Modus und kann in diesem Zuge Innovation auslösen.
- Selektionsfacette: Exnovation geht einher mit der Reflexion von angemessenen Gründen für das Ausphasen bestimmter Prozesse/Produkte. Im Explore-Modus der Ambidextrie werden verschiedene Lösungen, die das Exnovationsobjekt ersetzen könnten, skizziert. Aus diesen Lösungsskizzen wird dann eine Lösung herausgehoben und umgesetzt. Alle anderen werden wieder exnoviert. Das Nachdenken über Exnovation spielt eine wichtige Rolle bei der Auswahl und dem Verwerfen von Ideen.
Praxis-Tipp: Erkenntnisse aus gescheiterten Innovationen systematisch dokumentieren – sie können ggf. für zukünftige Lösungsansätze relevant sein. - Vollzugsfacette: Im Exploit-Modus geht es darum, das Ausgewählte zu etablieren. Hier kann Exnovation helfen, alte Strukturen abzubauen, um Platz für das Neue zu schaffen.
Praxis-Tipp: Abschiedsrituale (wie eine symbolische Beerdigung) können helfen, Widerstände zu reduzieren.
Der Kreislauf der Erneuerung
Die Berücksichtigung von Exnovation im Ambidextriekonzept macht einen Kreislauf sichtbar, der die kontinuierliche Anpassung und Wettbewerbsfähigkeit von Organisationen fördert:
Innovationen finden ihren Weg in die Organisation (Explore-Modus), werden in ein effizientes Kerngeschäft überführt (Exploit-Modus), und nicht mehr benötigte Systembestandteile werden entfernt (Exnovation).
Diese Verbindung von Ambidextrie und Exnovation bietet Organisationen einen strategischen Rahmen zur Steuerung von Veränderungsprozessen. Sie ermöglicht es, sowohl neue Ideen zu fördern als auch gezielt alte Strukturen abzubauen. Dadurch können Organisationen flexibler auf Veränderungen reagieren und ihre Ressourcen effektiver einsetzen:
- Explore: Innovationen finden ihren Weg in die Organisation
- Exploit: Überführen in effizientes Kerngeschäft und Bewährtes optimieren
- Exnovation: Entfernung nicht mehr benötigter Systembestandteile
Dieser Zyklus ist kein linearer Prozess, sondern ein dynamischer Prozess aus Rückkopplung und Parallelhandeln. Exnovation ist demnach kein Gegensatz zur Innovation, sondern ihr notwendiger Partner. Die Integration von Exnovation in das Ambidextriekonzept stellt demnach einen vielversprechenden Ansatz für Organisationen dar, um sich in einer sich schnell verändernden Umwelt anzupassen und zu entwickeln. Es ermöglicht einen ausgewogenen Blick auf Innovation und Abbau, der für die langfristige Überlebensfähigkeit von Organisationen entscheidend sein kann.
(vgl. Bils, S. & Töpfer, G. (2024). Innovation & Exnovation, Synergien von Ende und Anfang (1. Aufl.). Nomos. https://doi.org/10.34156/978-3-7910-6150-4 - Kapitel 3.3: S.84-93)